Intro

Schauen wir von der Bühne in den halbdunklen Raum, sehen wir Sie beim Zuhören, liebes Publikum. Manche neigen ihren Kopf zur Seite als wollten sie signalisieren: Ihr habt meine volle Aufmerksamkeit! Andere haben die Augen geschlossen. Wiederum andere sitzen gespannt auf der Stuhlkante, als ob sie etwas verpassen könnten. Wird es schrill, verzieht sich da und dort auch mal ein Gesicht. Wie auch immer: Musik entsteht im Grunde genommen erst durch Ihre aktive Teilhabe an dem, was wir tun. Das Wir-Gefühl hat uns in den letzten Monaten sehr gefehlt. In dieser Saison gibt es viele Gelegenheiten, es mit Ihnen zu zelebrieren!
In der Saison 2020/2021 widmen wir uns schwerpunktmässig Musik, die aus Neugier auf die Welt heraus entstanden ist. Musik, in der weite Wege zurückgelegt werden. Musik, die Vergangenes heraufbeschwört. Musik, in der sich das Morgen ankündigt. Wir streifen durchs klanggewaltige New York und finden uns im stalinistischen Moskau der Dreissigerjahre wieder, reisen in 100 Minuten von den Schluchten des Brice Canyon in kosmische Höhen, wandeln durch architektonische Räume und dringen von der Oberfläche der Ereignisse bis in verschüttete Seelenabgründe vor. Wir identifizieren das Neue im Klassischen und das Überraschende im Offensichtlichen. Wir graben nicht aus, was einst gewesen ist, sondern beleuchten das, was sich im Gegenwärtigen eingegraben hat. Wir entdecken Archetypen in noch nie Gehörtem und spielen sensorbasierte Musik im Club. Wie Nomaden sind wir unterwegs, wagen Experimente, gehen Risiken ein. Wir reissen die vierte Wand nieder, diese unsichtbare Grenze zwischen Bühne und Publikum. Weniger Gegenüber, mehr Miteinander – soweit es eben möglich ist.
Wenn wir etwas erleben, dann ist es nicht die äussere Welt an sich. Es sind mentale Konstruktionen, Mindscapes, die wir auf Reizen aufbauen. Unsere Sinne verarbeiten diese Reize und verstandesmässige Konzepte ordnen die Eindrücke. Ist dieser Gedanke nicht tröstlich, wenn man sich vor Augen führt, dass wir derzeit kaum grössere Reisewege zurücklegen können? Lassen Sie Ihr schweres Gepäck für unsere imaginäre Reise ruhig zuhause! Ein wenig Neugier reicht schon aus, um loszuziehen. Vielleicht weckt das Saisonprogramm in Ihnen ja ein andersartiges Heimweh nach der Fremde: Reisen als ein Erwandern von Klanglandschaften mit dem Ohr. Kunst heisst, nie anzukommen.

Aufs gemeinsame Unterwegssein mit Ihnen freuen wir uns!

Ihr Collegium Novum Zürich

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