Werkkommentar zu Noli me tangere von Isabel Mundry

Das Berühren vollzieht sich im Hören

Meine Komposition bezieht sich auf ein gleichnamiges Buch des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy, das sich wiederum auf eine entsprechende Passage aus dem Johannes-Evangelium bezieht. Maria Magdalena sucht das Grab des verstorbenen Jesus auf, findet es jedoch leer vor. Darauf wendet sie sich um, sieht ihn, aber erkennt ihn nicht. Da spricht er ihren Namen aus, sie repliziert mit dem seinen, und er sagt: Rühre mich nicht an («Mè mou haptou – Noli me tangere»), ich bin noch im Fortgehen, aber erzähle den anderen, was Du gesehen hast.
In meiner Komposition geht es, ebenso wie im Text von Nancy, weniger um Religion als um eine Meditation über das Phänomen der Berührung, wie sie sich erst zeigt, wenn sie sich nicht mit dem Ergreifen, Erfassen oder Halten gleichsetzt. Es ist eine Berührung, die erst durch Nichtberührung freigesetzt wird und dadurch potenziell unendlich ist.
Das Verhältnis zwischen dem Soloschlagzeug und dem Ensemble spielt diese Figur in vielfachen Phrasen durch. Alles ist Reaktion aufeinander, kaum aber Synchronisation. Immer geht es um Formen von Resonanz, nie aber um Angleichung. Technisch gesehen handelt es sich dabei fast durchgehend um Spiegelkanons, meist proportional verzerrt. Doch ein Spiegelverhältnis zwischen einem Ensemble und einem Soloschlagzeug, das zumeist ohne Tonhöhen agiert, ist im Grunde absurd, es lässt einen Leerraum offen. Um ihn geht es in diesem Stück. Das Ensemble und das Schlagzeug hinterlassen einen Abdruck oder eine Spur im je andern, ohne dass sie einander angleichen würden. In anderen Passagen wenden sich wiederum manche der Musiker·innen vom Dirigenten ab und schauen in die Gegenrichtung. Das Mass der Zeit bestimmt hier ihr Ohr. Das Berühren vollzieht sich im Hören.

Isabel Mundry

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