Kurzeinführung zu City Life von Steve Reich

Von der Strasse in die Musik

Die Vorstellung, dass man beliebige Umweltgeräusche in Musikstücke integrieren kann, fasziniert Komponisten seit Beginn des 20. Jahrhunderts. So verwertete George Gershwin in seiner Orchesterfantasie An American in Paris den Klang von Taxihupen. Edgar Varèse nutzte unter anderem Sirenen, George Antheil die Geräusche von Flugzeugpropellern und John Cage das Radio. Seit den Siebzigerjahren spätestens bedient sich auch die Rock’n’Roll-Musik (und bald darauf auch die Rap-Musik) einer grossen Diversität an Umweltgeräuschen. Das Sampling-Keyboard erleichtert es Komponisten zeitgenössischer Musik ungemein, die Klänge des Alltags musikalisch zu verwerten. Mein 1995 entstandenes Stück City Life setzt nicht nur Sprach-Samples ein, sondern auch Autohupen, knallende Türen, Druckluftbremsen, das elektronische Türsignal der New Yorker Subway, Autoalarmanlagen, Herzschläge, Signalhörner sowie Feuerwehr- und Polizeisirenen.

Die vorab aufgenommenen Geräusche werden während der Aufführung auf zwei Sampling-Keyboards live gespielt. Da also kein Tonband eingesetzt wird, ist das Tempo flexibler – ein typisches Merkmal aller Live-Aufführungen. Überdies weitet diese Verfahrensweise das Konzept des «Prepared Piano» aus, da die grösstenteils von mir selbst in New York aufgenommenen Umweltgeräusche in den beiden Sampling-Keyboards gespeichert wurden. Natürlich legen diese verschiedenen, im strengen Sinn nichtmusikalischen Klänge auch Dopplungen durch bestimmte Instrumentalstimmen nahe. So wählte ich Holzblasinstrumente für das Gehupe von Autos, Basstrommeln für knallende Türen, Becken für Druckluftbremsen, Klarinetten für Schiffshörner und mehrere unterschiedliche Instrumente zur Dopplung der Sprachmelodien.

Wie zahlreiche meiner früheren Werke schlägt auch City Life den Bogen A – B – C – B – A. In den Ecksätzen sind Sprach-Samples fester Bestandteil des musikalischen Gewebes. Beide Sätze vermitteln zwar den Eindruck, von schnellen Tempi bestimmt zu sein, doch hat der erste Satz ein mittleres Tempo, während das relativ schnelle Tempo des letzten Satzes aufgrund der vielen ausgehaltenen Klänge nicht ohne Weiteres wahrzunehmen ist.

Für den ersten Satz wurde die Aufforderung eines Strassenverkäufers, «Check it out», aufgenommen. Eine überwiegend von Afro-Amerikanern besuchte Demonstration in der Nähe der New Yorker City Hall (Rathaus) war die Quelle für «It’s been a honeymoon – Can’t take no mo’». Die meisten Sprach-Samples im fünften Satz stammen von tatsächlichen Gesprächen New Yorker Feuerwehrleute am 26. Februar 1993, dem Tag, an dem im World Trade Center eine Bombe explodierte. Stephen Gregory, stellvertretender Kommunikationsleiter der New Yorker Feuerwehr, stellte mir die Originalaufzeichnungen dieser Gespräche freundlicherweise zur Verfügung.

Steve Reich

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