Joan Jordi Oliver Künstlerische Co-Leitung

Joan Jordi Oliver (*1994) ist Saxofonist, Komponist, Produzent und künstlerischer Leiter aus Mallorca und lebt in Zürich. Seine künstlerische Praxis verbindet traditionelle Instrumente, analoge Geräte und digitale elektronische Transformationen, um Klang jenseits stilistischer Grenzen zu erforschen. Seine Arbeit umfasst Alben, Konzertwerke und audiovisuelle Projekte und sucht nach einer eigenständigen Stimme an der Schnittstelle von Ambient, Minimalismus, freier Improvisation, zeitgenössischer Musik und experimenteller Elektronik.
Seine künstlerische Tätigkeit hat ihm eine starke internationale Präsenz verschafft, mit Auftritten in Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien. Er war in renommierten Konzertsälen wie der Elbphilharmonie in Hamburg, der Victoria Hall in Genf und der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles zu hören, ebenso wie in legendären underground venues wie dem ISSUE Project Room in New York und SuperDeluxe in Tokio.
Neben seiner künstlerischen Tätigkeit engagiert sich Oliver zunehmend als Kurator und künstlerischer Leiter in der Schweizer Experimental- und Neue-Musik-Szene. Über die Plattform STROM organisiert er zahlreiche Veranstaltungen für experimentelle Musik. Deren Hauptprojekt, die Konzertreihe Strom am Mittag, präsentiert seit 2021 ohne Unterbruch monatliche Konzerte elektronischer Musik in Sakralräumen. Von 2024 bis 2026 war er Künstlerischer Leiter des Ensemble TaG. Seit Sommer 2026 ist er Künstlerischer Co-Leiter des Collegium Novum Zürich sowie Koordinator für Zeitgenössische Musik an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).

Collegium Novum Zürich

Fragebogen
Woher kommst du?
Ich komme aus einem kleinen Ort auf Mallorca namens Campos. Es ist ein schöner, ruhiger Ort, an den ich in den Ferien immer gerne zurückkehre, aber inzwischen fühle ich mich hier in Zürich sehr zu Hause. Zum Beginn meiner Arbeit beim Collegium Novum feiere ich zehn Jahre in dieser Stadt – mit einem kleinen Schub Züritüütsch fühle ich mich dann vielleicht auch offiziell als Local!

Welche Musik hörst du im Moment?

Meine musikalische Diät ist sehr vielfältig, aber im Moment höre ich vor allem Musik von vielen jungen internationalen Komponist·innen, die ich vorher noch nicht kannte, als Recherche für die Saisonplanung. Mein Comfort-Go-to ist Ambient-Musik - es gibt sogar ein Label, das ich ganz gezielt zum Nappen höre. Und mein Guilty Pleasure sind virale Songs aus Instagram-Memes, wie «Golden Brown» von The Stranglers.

Worüber hast du zuletzt laut gelacht?
Ich liebe es, wenn in einer eigentlich ernsten oder feierlichen Situation plötzlich etwas sehr Lustiges passiert. Einer meiner Lieblingsmomente war bei einem Zen-Retreat, als die Meisterin einen Teilnehmer dafür tadelte, dass er eine Uhr mit in den Meditationsraum gebracht hatte. Das Problem: Er war dafür verantwortlich, am Anfang und Ende der Meditation die Glocke zu läuten. Nach einer Sitzung, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte, fragte die Meisterin: «Wie lange war diese Sitzung?» Seine einzige mögliche Antwort: «Ich hatte keine Uhr!»

Wo wärst du heute, wenn du nicht Musiker geworden wärst?
Ich habe eine Million Hobbys und versuche wirklich, sie alle zu pflegen und irgendwie Zeit dafür zu finden. Was Kindheitsträume angeht, habe ich mich eigentlich immer sehr mit den Künsten verbunden gefühlt. Wahrscheinlich wäre ich also irgendwo im Kulturbereich gelandet, vielleicht in der Literatur oder so.
In letzter Zeit interessieren mich Themen an der Schnittstelle von Psychologie und Philosophie sehr, und ich würde dort gerne noch viel tiefer eintauchen. Einen Beruf möchte ich daraus allerdings nicht mehr machen – ich habe lange genug studiert!
Mein Plan B fürs Leben ist jedenfalls klar: einer Zen-Gemeinschaft in einem Kloster beitreten, mich um das Haus oder den Garten kümmern und ein langsameres, friedliches Leben in der Natur geniessen.

Wofür bist du dankbar?
Ich habe das Glück, von Natur aus ein eher positiver Mensch zu sein und ziemlich viel Spass am Leben zu haben. Dankbarkeit ist etwas, das ich täglich zu praktizieren versuche. Ich bin für sehr, sehr vieles dankbar: für die grossen Klassiker wie Gesundheit, Familie, Gemeinschaft und ein erfülltes, sinnvolles und nicht allzu ernstes Leben, aber auch für die kleinen Dinge wie Sonnenlicht, eine nahrhafte Mahlzeit und die unglaubliche Fähigkeit, unter praktisch allen Bedingungen ein Nickerchen zu machen.

Was ist dein Pet Peeve («Lieblings-Ärgernis»)?
Ah, das ist etwas schwierig zuzugeben, weil ich mich wirklich bemühe, Slow Living und Empathie zu kultivieren… Ich habe es fast überwunden, aber manchmal erwischt es mich noch: Menschen ohne räumliche Wahrnehmung. Besonders diejenigen, die auf der Strasse direkt auf dich zulaufen und dabei nach unten auf ihr Handy schauen. Wenn ich nicht ausweichen würde, bin ich ziemlich sicher, dass wir manchmal einfach zusammenstossen würden!

Für wen spielst du am liebsten?
Ich spiele sehr gerne sowohl für Menschen, die mir sehr nahestehen und meinen ganzen Prozess und meine innere Welt kennen, als auch für völlig Fremde, die einfach neugierig genug sind, zuzuhören. Musik ist eine wunderbare Ausrede, um sich durch eine gemeinsame Erfahrung miteinander zu verbinden.

Was sammelst du?
Alte Postkarten, auf denen noch die persönlichen Nachrichten der Menschen stehen. Ich verstehe bis heute nicht ganz, wie sie auf einem Flohmi landen, und finde die ganze Sache irgendwie spooky: Jemand schreibt einem geliebten Menschen eine sehr persönliche Nachricht auf eine schöne Postkarte aus den Ferien, und hundert Jahre später landet sie in den Händen eines völlig Fremden. Die älteste, die ich habe, ist von 1909.

Mit wem würdest du gerne einen Tag lang tauschen?
Vielleicht mit einer Streichinstrumentalistin – am liebsten einer Cellistin? Ich finde das Instrument wunderschön, aber ich glaube wirklich nicht, dass ich noch Zeit finde, es zu lernen.

Welche Erfindung braucht die Welt?
Wege, um langsamer zu werden, und eine gesellschaftliche Übereinkunft, dass wir sie auch wirklich nutzen. Vielleicht kann unser kleiner Beitrag mit dem CNZ ja aus mehr langen Stücken und Meditationskonzerten bestehen?

Was wolltest du schon immer mal gefragt werden?

Wie man meinen Namen richtig ausspricht. Nur Spass: Diese Frage bekomme ich jede Woche, und inzwischen habe ich dafür sogar eine automatische Antwort im Gehirn eingerichtet.

(August 2026)